Aus Anlass des Ehrenpreises für Julia Rothbauer (Breitbrunn) bringt herrsching.online noch einmal das Interview, das wir im Juni dieses Jahres führten.
Ganz zufällig geriet sie mitten ins Elend der Flüchtlinge. „Ein Bus mit 40 Leuten strandete in der Seestraße, 40 Leute, die alle fix und fertig waren, Hunger hatten, nichts verstanden. Ich habe dann zuerst einmal in einem Supermarkt mit ihnen eingekauft, damit sie nach einer biblisch langen Flucht etwas zu essen bekamen.“ So erzählt die Breitbrunnerin Julia Rothbauer die Anfänge ihrer Helferkarriere.
Seit 2015 hat sie nun über 100 Menschen aus Afghanistan, aus dem Irak, aus Syrien, dem Iran und aus Afrika betreut, bei Behördengängen geholfen, Aufmunterung in dunklen Stunden gegeben. Dabei hätte sie manchmal selbst Zuspruch gebraucht, wenn Behörden mit Tricks Abschiebungen vorbereiteten, psychologische Hilfe verweigerten, mit Formschreiben Menschen existenziellen Nöten aussetzten. Die dunkelste Stunde ihrer Arbeit im Helferkreis war der Selbstmord eines Iraners, der sich auf ein Leben in Deutschland eingerichtet hatte und plötzlich mit einer scheinbaren Abschiebeandrohung konfrontiert war.

Warum setzt sich eine junge Frau mit zwei abgeschlossenen Studien und einer großbürgerlichen Herkunft solchen Belastungen aus?
Weil es auch helle Stunden großer Genugtuung und Freude gab, wenn Flüchtlinge in Deutschland Wurzeln schlugen, Berufe lernten, Arbeit fanden oder ein Studium aufnahmen.
Jetzt setzt sie ihre Arbeit in anderer Form fort: Sie hat zusammen mit dem Breitbrunner Jens Waltermann eine Arbeitsagentur für die Vermittlung ausländischer Arbeitskräfte gegründet. „i2 TalentPool“ setzt die Erfahrungen aus der Flüchtlingsarbeit um. Sie weiß, wie man einen ausländischen Arbeitnehmer in den richtigen Job vermittelt. Und hilft dem Arbeitgebern, die Frau und den Mann mit ausländischen Wurzeln richtig einzusetzen.
herrsching.online: Nach 6 Jahren Flüchtlingsarbeit sind viele ehrenamtliche Helfer müde und manche auch frustriert. Wie geht’s Ihnen?
Julia Rothbauer: Ein Weilheimer Pfarrer hat eine Umfrage gemacht, warum die Leute aufhören, in den Helferkreisen zu arbeiten. Die befragten Helfer hatten zu einem hohen Prozentsatz ausgesagt, dass der Zeitaufwand bei den Ämtern zu hoch sei. Immer wieder hörten sie: „Jetzt fehlt noch dieses Papier und jetzt jenes Papier“. Das hat die Leute so frustriert, dass sie aufgehört haben. Und alles hat ewig gedauert. Es kam vor, dass die Leute ihre Ausweise erst bekommen haben, als sie schon wieder kurz vor dem Ablaufdatum waren. Daraus entstehen Folgeprobleme. Man kann kein Konto eröffnen. Ohne Konto, kein Job, keine Wohnung.. Diese hausgemachten Folgeprobleme waren ein großer Teil der ehrenamtlichen Arbeit.
Auch bei uns in Breitbrunn wurden es von Zeit zu Zeit weniger im Helferkreis. Aber zum Glück gibt es bei uns im Ort viele tolle Leute, die trotzdem und immer noch helfen, wo Not am Mann ist. Die die Leute nicht vergessen und sich für sie einsetzen.

herrsching.online: Welche Erfahrungen habt Ihr im Helferkreis mit den Flüchtlingen gemacht?
Rothbauer: Durchweg gute. Ich kann berichten, dass ich jeden Cent, den sich ein Flüchtling bei mir ausgeliehen hatte, immer zurückbekommen habe. Und wenn du in ihre Unterkunft kommst, bewirten die dich immer mit einem Kaffee oder machen dir einen Tee, haben den Tisch gedeckt.
Ein lustiges Erlebnis dagegen habe ich mit der Polizei gemacht: Ich hatte vor dem Flüchtlingsheim geparkt und vergessen, das Auto abzuschließen. Dann kamen Polizeibeamte ins Haus und haben mir den Autoschlüssel, der im Wagen steckte, reingebracht. In Deutschland, wurde ich belehrt, schließe man sein Auto ab, und besonders hier. Ich habe dann nur geantwortet, dass wenn es in Deutschland einen Ort gibt, wo mir nichts geklaut wird, sondern wo mir Sachen eher noch hinterhergetragen werden, dann ist es hier.
herrsching.online: Mit wievielen Leuten hatten Sie Kontakt im Breitbrunner Flüchtlingsheim?
Rothbauer: Über die Jahre mit etwa 100 Leuten. Es gab unter diesen 100 Leuten einen einzigen, der klar zum Ausdruck brachte, dass er nicht arbeiten wollte. Der hat auch verstanden, wie unser System funktioniert, der bringt immer seine Papiere zum richtigen Zeitpunkt zum Amt. Es gibt aber auch Flüchtlinge, die so traumatisiert sind, dass sie gar keine klare Entscheidung treffen können. Und ohne Hilfe, professionell oder wenigstens ehrenamtlich, schaffen es manche nicht zu lernen oder zu arbeiten, weil sie Depressionen haben und verzweifeln. Die fallen dann durchs System.
herrsching.online: Gibt es unter den verschiedenen Nationalitäten unterschiedliche Mentalitäten und Verhaltensweisen?
Rothbauer: Ich habe durch meine Arbeit im Helferkreis begriffen, wie Kultur prägen kann. Wir sind irgendwo alle gleich und doch sehr unterschiedlich. Aber wenn man sich mit Respekt und Empathie begegnet, ist das sehr bereichernd.
herrsching.online: Wie drückt sich das aus?
Rothbauer: Wenn du Arbeitskräfte vermittelst mit afrikanischen Wurzeln, kommen die oft schneller zurück als Menschen aus anderen Kulturen, weil irgendwas nicht läuft. Du fragst dich: Warum funktioniert es nicht, schließlich wollte der Vermittelte arbeiten, und der Arbeitgeber brauchte dringend eine Arbeitskraft. Aber der Arbeitsvertrag, das Papier, das für uns Deutsche ganz wichtig ist, zählt nichts bei denen. Die arbeiten 7 Tage/24 Stunden lang für dich, wenn sie ein Verhältnis zu dir aufgebaut haben, aber wenn keine Beziehung aufgebaut wurde und der Chef die noch „blöd“ anredet, dann sagt der Mann einfach: Du kannst mich mal. Wenn aber das Verhältnis stimmt, dann funktioniert das Arbeitsverhältnis, dann entsteht da etwas wie ein Familienband.
herrsching.online: Wie läuft’s mit Syrern, Afghanen, Irakern?
Rothbauer: Viele Afghanen haben nie eine Schule besucht, die Zahl der Analphabeten ist extrem hoch, und die haben seit 40 Jahren Krieg, irgendeiner schmeißt ihnen immer eine Bombe auf den Kopf. Trotzdem haben es die Afghanen bei uns nicht leicht – im Gegensatz zu den Syrern. Wir hatten Abschiebeabkommen mit Afghanistan, und deshalb haben diese Leute keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, sondern im Gegenteil, wir haben die wieder fleißig heimgeschickt. Und zwar nur, weil wir konnten, nicht weil es ein sicheres Land war.
Die Afghanen mussten sich zuerst einmal gegen unsere Bürokratie durchsetzen, das heißt: Mit ihrer Duldung erst mal Deutsch lernen und dann auch Arbeit suchen. Trotz dieser Hürden sind alle jungen Afghanen, die nach Breitbrunn gekommen sind, in Arbeit oder Ausbildung. Und zwar nicht nur im Niedriglohnsektor, sondern auch mit einer Ausbildung zum Beispiel im Einzelhandelssektor. Die Afghanen sind ein extrem freundliches, fleißiges Volk. Manche sind natürlich auch so stark traumatisiert, dass sie gar nichts machen können. Und es ist irre schwer psychologische Hilfe zu bekommen.
herrsching.online: Und die Syrer?
Rothbauer: Die bekamen ohne lange Wartezeiten ihre Arbeitserlaubnis – nur die Ukrainer bekommen sie jetzt noch schneller. Bei den Afghanen, die viel mehr Mitleid verdient hätten, war von staatlicher Seite keines vorhanden. Aufgrund des bestehenden Abschiebeabkommens war gar nicht gewollt, dass sie hier Fuß fassen und sich integrieren. Und falls ihnen trotz aller Widrigkeiten die Integration gelungen ist, war das lange Zeit auch kein Schutz davor, abgeschoben zu werden.
In einem Abschiedebescheid eines Afghanen, den ich gelesen habe, stand drin, dass in seinem Heimatbezirk in den letzten Monaten „nicht genügend“ Menschen ermordet worden sind, um ihm Schutz zu gewähren. So eine zynische Aussage hat mich echt erschüttert.
herrsching.online: Was war Ihr schlimmestes Erlebnis in der Flüchtlingsarbeit?
Rothbauer: Es gibt so viele traurige Momente. Wenn Familienmitglieder, die noch im Heimatland sind, sterben. Die Verzweiflung, wenn man von den Behörden abhängig ist und nichts tun kann als warten. Zum Beispiel beim Familiennachzug. Der Vater ist hier, Frau und Kinder sind noch in Syrien, und er wartet viele Monate auf die Genehmigung, obwohl er weiß, dass jeder Tag der letzte sein könnte, an dem seine Familie noch lebt.
Das Schlimmste aber war der Selbstmord des Iraners Farshad Shiri, der ja eigentlich ein Vorzeige-Flüchtling war. Er war im Ort bekannt und beliebt, er hat überall geholfen, wo Hilfe gebraucht wurde. Er hat Deutsch gelernt, obwohl er nur eine Duldung hatte, er hat seinen Führerschein gemacht, und er hatte eine Ausbildung. Im Ausbildungsbetrieb hätten sie ihn auch übernommen.
Weil er aber nur eine Duldung besessen hatte, hat er auch nur eine sogeannte „Ausbildungsduldung“ erhalten. Das ist ein bürokratischer Trick: Wenn jemand seine Ausweisung erhält, hat er ein ganz kurzes Zeitfenster, in dem er eine Ausbildungsstelle suchen kann. Wenn er die Ausbildungspapiere beim Landratsamt vorlegt, kann das Amt sagen: Ok, du kannst deine Ausbildung machen und bekommst eine Ausbildungsduldung für die nächsten 3 Jahre. Danach hat der Migrant noch 2 Jahre Zeit, sein Leben auf die eigenen Füße zu stellen, dann schau ma weiter. Diese Ausbildungsduldung hatte Farshad bekommen und die Ausbildung begonnen.
Dann kam der Brief vom Landratsamt, dass er Abschiebe-fähig sei. Dieser Brief liest sich so, als würde der Flüchtling ausgewiesen werden. Farshad muss das wohl so verstanden haben, als kämen nachts die Schwarzen Männer und holten ihn ab. Die mögliche Abschiebung aber wäre gar nicht vollzogen worden, weil er ja die Ausbildungsduldung hatte. Aber das hatte Farshad nicht begriffen. Womit wir wieder an dem Punkt wären, wie sehr Kultur prägt. Für ihn ist es absolut real, dass ein Staatsorgan brutal und willkürlich handelt. Das ist so in seinem Heimatland, so hat er es erlebt. Dass dieser Brief in Deutschland nur der Befriedigung der Bürokratie dient, ist für ihn nicht vorstellbar. Er war dann fix und fertig und hat sich zurückgezogen. Dabei hätte er ja Ansprechpartner und Paten gehabt. Aber Angst und Scham fressen diese Leute auf.
herrsching.online: Immer wieder hört man, dass Behörden ganz scharf auf die Pässe der Flüchtlinge sind.
Rothbauer: Der Knackpunkt im Verfahren ist tatsächlich der Pass: Das Landratsamt will einen Pass, damit es Ausbildung oder Arbeit genehmigen kann. Ohne Pass gibt es keine Ausbildung und keine Arbeitserlaubnis. Aus Sicht der Flüchtlinge gibt es aber auch keine Abschiebung in den Iran ohne Pass, weil mit diesem Land kein Abschiebeabkommen besteht. Also haben viele Angst, ihren Pass abzugeben. Und wenn dann das Landratsamt den Pass für eine Arbeitsgenehmigung anfordert, der Flüchtling ihn besorgt und dann aber statt Arbeit die Abschiebung bekommt, fördert das nicht gerade das Vertrauen in unsere Behörden. Und diese Fälle gab es, hier bei uns im Landkreis.
herrsching.online: Wie stark standen Farshad oder andere Flüchtlinge in seiner Situation psychologisch unter Druck?
Rothbauer: Wenn man sich die Fluchtgeschichten erzählen lässt, dann bekommt man mit, dass diese Menschen schon oft Todesängste erlebt haben. Oder Folter, Vergewaltigung, Erpressung.. Da bleibt was zurück. Und es gibt meist auch von Seiten der Behörden keine professionelle Hilfe, die das Erlebte oder Erlittene mit den Flüchtlingen aufarbeitet. Manchmal denke ich, es gibt dafür nicht mal ein Bewußtsein dafür, wie schwer es manchmal für die Leute ist. Bei 2 Leuten habe ich es geschafft, dass sie professionelle psychologische Hilfe bekommen. Brauchen würden fast alle Flüchtlinge diese Hilfe. Mit Sicherheit hatte Farshad seine Dämonen in sich. Die haben sie fast alle, die bei uns ankommen. Aber sie gehen damit extrem gut um. Aber wenn der Stress von außen immer und immer wieder kommt, egal wie sehr man sich bemüht, dann können manche nach fünf, sechs Jahren einfach nicht mehr.
herrsching.online: Und was hat Ihnen bei der Arbeit im Helferkreis besonders gefallen?
Rotbauer: Die Herzlichkeit der Leute, die Hilfsbereitschaft untereinander. Und natürlich gelungene Beispiele erfolgreicher Integration. Tarek, ein Syrer, kam als 20- Jähriger mit seinem kleinen Bruder hier an. Heute besitzt er 2 eigene Firmen und studiert nebenbei BWL. Es ist schön, solche Leute zu erleben. Oder Alex und Tigist, die aus Afrika kamen und eine abenteuerliche Flucht hinter sich hatten. Alex war Kindersoldat und kam über die Wüstenroute an die Mittelmeerküste. Als in der Wüste das Auto kaputt ging, haben die Schlepper alle Flüchtlinge einfach stehen lassen. Ein Flüchtling hat dann einen anderen Fahrer überredet, anzuhalten und sie mitzunehmen. Alex war vom 8. Lebensjahr an Kindersoldat und hat Sachen gesehen, die wir uns zum Glück nicht vorstellen können. Aber er hat sich hier bei uns in den Griff bekommen, macht gerade den Führerschein, spricht mittlerweile Deutsch und sucht sich Arbeit. Und er hat eine eigene Wohnung und muss nicht mehr mit Frau und zwei kleinen Kindern in der Gemeinschaftsunterkunft wohnen. Es ist toll, wie sich diese Flüchtlinge, die auch immer wieder auf rassistische Ressentiments stoßen, integrieren und zeigen können, was für gute Menschen sie sind.
herrsching.online: Gibt es diesen Rassismus, wie er immer wieder angeprangert wird, wirklich, oder sind die Vorwürfe übertrieben?
Rothbauer: Kleines Beispiel: Flüchtlinge kommen zum Kinderarzt und sprechen Englisch. Man sollte meinen, dass Arzthelferinnen in einer Praxis Englisch sprechen. Da kommt es dann schon mal vor, dass die Flüchtlingskinder heimgeschickt werden, nach dem Motto:„Wenn du nicht Deutsch kannst, reden wir nicht mit dir.“ Auch bei den Ämtern oder bei alltäglichen Dingen wie beim Busfahren gibt es kleine Schikanen, die nur Flüchtlingen passieren.
herrsching.online: Wir haben auch mal eine solche Szene erlebt, da blieb die Afrikanerin dem Busfahrer verbal aber nichts schuldig.
Rothbauer: Ja, die Nigerianerinnen sind sehr temperamentvoll. Und wenn die mal in Fahrt sind, können sie Furien werden, auch untereinander.
herrsching.online: Nach all diesen Erfahrungen ein Start up zu gründen, um ausländische Mitbürger in Arbeit zu bringen, ist schon mutig. Was war Auslöser für diese Gründung?
Rothbauer: Ein Auslöser war der Tod von Farshad. Ich habe gesehen, wie viele Menschen durchs System fallen, wenn man ihnen nicht die Hand gibt, damit sie sich integrieren können. Und die Integration läuft über die Arbeit, die Teilnahme am täglichen Leben. Die Leute, denen keiner hilft, die schlafen dann vor unserer Kirche im Eingang. Denen helfen dann nette Menschen, die es hier im Ort gibt, aber Staat und Kirche lassen sie alleine. Wenn ich will, dass Integration gelingt, dann muss ich die Frau oder den Mann arbeiten lassen. Lernen lassen. Unsere Bürokratie verbietet aber vielen die Arbeitsaufnahme.
Mein Firmenpartner Jens Waltermann ist auf mich zugekommen mit der Idee, ob wir uns mit der neuen privaten Arbeitsvermittlung für Leute ohne deutschen Hintergrund engagieren könnten. Wir wollen für Arbeitnehmer, die teilweise auch schon qualifiziert sind, die bürokratischen Hürden beseitigen und auf der anderen Seite Arbeitgebern helfen, die richtigen Leute zu finden. Es gibt so viele freie Ausbildungsplätze und freie Stellen, man muss nur die beiden Puzzleteile, die zusammengehören, zusammenbringen. Eine normalen Arbeitvermittlung hat die menschliche Seite nicht im Auge.
herrsching.online: Was heißt menschliche Seite?
Rothbauer: Wir sind noch Ansprechpartner für Arbeitgeber, auch wenn die Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer schon in Lohn und Brot steht bei der Firma. Und auf der anderen Seite wollen wir den Arbeitssuchenden helfen, den richtigen Job, der zu ihnen passt zu finden. Viele wissen nicht genau, was man alles machen kann oder ob ihre Qualifikationen aus dem Heimat land anerkannt werden.
Nach 6 Jahren im Ehrenamt weiß ich aber, wie man den Menschen helfen kann ihren Weg zu gehen.




