Herrschings Beitrag zur Sprach-Akrobatik: Faltsch Wagoni. Foto: Gerd Kloos

Und das Wort ist Witz geworden

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Ein Leben zwischen Sprach-Akrobatik und Musiknoten: Das Herrschinger Musikkabarett-Duo Faltsch Wagoni feiert 40. Bühnen-Jubiläum//

„Faltsch Wagoni“ könnte ein italienischer Schaffner zu einem verwirrten deutschen Rompilger sagen, der im Zug nach Triest sitzt. Soweit haben Silvana und Thomas Prosperi aber ihren Künstlernamen gar nicht hergeholt. Die beiden Herrschinger Wortakrobaten lebten zu Beginn ihrer Musikkabarett-Karriere in einem alten Holz-„Wagoni“, den Thomas einem Wiesn-Schausteller abgekauft hatte. Am Samstagabend, 40 Jahre später, werden sie im Kurparkschlösschen „Palast abwerfen“. herrsching.online hat die beiden „sprachverliebten Wortspieler“ zu Hause besucht.

„Schon nervös vor dem Heimspiel?“ fragen wir. „Nach 40 Jahren Bühnenerfahrung?“ lacht Silvana, „nein, Lampenfieber haben wir keines mehr.“ Warum sollten sie, ihre Auftritte haben ja auch in Samara, in Dakar, in Karl-Marx-Stadt und in New York geklappt. Über der halben Welt schütteten sie ihre Wortkaskaden aus, und Generationen von Deutschlehrer in 3 Kontinenten wunderten sich, „dass die deutsche, ernste, schwere und schwierige Sprache so lustig sein kann.“

Die Liegewiese des Witzes. Der Witz daran: Er sitzt mit jedem Wort bei Faltsch Wagoni

Thomas, von Beruf ein Augen-Mensch mit Grafikstudium in München, wuchs in den wilden End-Siebzigern und Achtzigern ins Business hinein – wenn denn 20 Mark, die es im Montparnass als Gage gab, ein „Business“ sind. Geld war knapp, dafür zog Thomas in der Liebe das große Los: Eine Mitarbeiterin von Deutschlands erster Stadtteilzeitung, „Das Blatt“ hieß sie, bat um ein Interview – und bekam den ganzen Mann: Silvana zog in den Wagoni ein. Bald gab es einen zweiten Wagen, der vorher einer Geisterbahn gehörte. Mit einem Traktor, auf 6 km/h gedrosselt, zogen sie dann von Stellplatz zu Stellplatz (Silvana hatte keinen Führerschein, deshalb durfte das Zugpferd nur Schrittgeschwindigkeit fahren).

Dass Thomas Prosperi, geborener Busse, ins musikalische Fach wechselte, ging wohl auf die Vater-Beziehung zurück: Sein Erzeuger war Maler, und mit ihm mochte er sich in bildender Kunst nicht messen. Aber der Weg ins Akustische war entbehrungsreich: Der junge Bänkelsänger jobbte zwischen den Gigs, spielte auch auf der Straße („das war damals noch ganz ergiebig“). Mit Silvana ging’s dann strukturierter weiter – die junge Ex-Journalistin hatte ein Regal gegen einen Bass getauscht und brachte so einen neuen Farbtupfer in die Klampfen-Musik. Dazu gab’s „vogelwilde Bühnenkostüme“, die Silvanas Vater, Schneider von Beruf, nähte.

Die Bühnenbilder rivalisierten mit den Programmtiteln um Skurriliät: „Tommy und das mobile Einsatz-Orkester“ (in Anspiel an MEK , „Mobiles Einsatzkommando“), „Der letzte Heuler“ und ähnlich schräge Nummern changierten zwischen Agitp(r)op und Kleinkunst. Mit der schleichenden Entpolitisierung aber wurden die Shows rockiger – und der Erfolg war unvermeidlich. In der Muffathalle sangen, rockten und wortjonglierten die beiden vor 500 Besuchern. Mit ihrem viersprachigen Programm stießen sie schließlich tief in die Bildungsbürger-Mitte vor. Das Goethe-Institut, die staatliche Institution zur weltweiten Verbreitung deutscher Kultur, wurde aufmerksam auf die Sprach-Künstler. „Deutsch ist Dada“ hieß ein Programm für die Deutschlehrer auf 3 Kontinenten.

Ihre Beiträge zum Geschlechterkampf hießen „Ladies first, Männer Förster“ , „Der Damenwal“, „Liebe macht blond“ oder „Balsam der einsamen Herzen“. Mit einem roten Torrero-Capote riefen die beiden: „Auf in den Kampf, Amore!“

Den seinen, heißt ein geflügeltes Wort, gibt’s der Herr im Schlafe, und Thomas Properi gehört wohl zu den „Seinen“: „Mir fallen Texte im Halbschlaf ein, und wenn ich aufwache, schreib ich sie einfach auf.“

Aber dann muss man sich die Lieder und Gedichte gemeinsam „draufschaufeln“, Texte und komplizierte Dialoge lernen, wie Silvana sagt, und das wird mit den Jahren auch nicht leichter. Und so wird das neue Programm „Palast abwerfen“ eine Mischung zwischen Best of und neuen Stücken.

Und ja, auch Faltsch Wagoni läuft auch mal aufs falsche Gleis, dann hängt der Vortrag. „Weil man bei uns aber nie weiß, ob das Absicht oder Ausrutscher ist, lachen die Leute“, freut sich Silvana feinsinnig.

Ein Ausrutscher der unvergesslichen Art war ein Auftritt in der Aula einer High School in New York. Schleußliche Akustik, miserables Licht – die beiden wollten in der Pause einfach aufhören. Die Leute vom Goethe-Institut überredeten sie dann doch, weiterzuspielen. Anschließend schluckten alle die Horror-Show so gründlich runter, dass das Goethe-Institut am nächsten Morgen arbeitsunfähig war. In Senegals Hauptstadt Dakar dagegen war das Publikum so gut drauf, dass alle getanzt haben.

Steif und falsch fühlte sich dagegen an, was der Direktor einer Uni in Samara (Russland) bot: Er begrüßte nur Thomas und verweigerte Silvana den Handschlag. Thomas revanchierte sich und gab allen Frauen im Publikum die Hand – die Mädels haben gestrahlt, der Herr Direktor hat gekocht. Auf einer Wolga-Dampferfahrt musste Thomas mit 150 Bibliothekarinnen tanzen. Ob er anschließend noch arbeitsfähig war, ist nicht überliefert. Unvergesslich auch der Auftritt kurz nach dem Mauerfall in Karl-Marx-Stadt (dem späteren Chemnitz): Es gab nur 1000 Ostmark Gage, dafür hat die Garderobenfrau den Hund der beiden Gassi geführt.

Einen Hund haben die beiden nicht mehr, dafür noch viel zu tun: Wer für den Samstag im Kurparkschlösschen keine Karte ergattert, kann sich „Palast abwerfen“ am 29., 30. und 31. Dezember in der Pasinger Fabrik reinziehen. So könnte ein Horrorjahr noch vergnüglich enden.

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