Selten, deshalb umso schöner: Wenn Humanität und wirtschaftliche Vernunft in die gleiche Richtung gehen, ist allen geholfen. Das jüngste Beispiel kommt aus dem Herrschinger Gemeinderat. Die Flüchtlingsunterkunft an der Goethestraße darf mindestens ein Jahr länger Schutz und Wärme geben für Menschen ohne Heimat.
Bevor nun der Sacharow-Preis nach Herrsching vergeben wird, zwei kurze Einwürfe: Dass die Flüchtlings-Familien, die hier seit Jahren Wurzeln geschlagen haben, länger bleiben dürfen, hat auch mit Geld zu tun. Geld, das dem Kreis für die neue Klinik fehlt. Und wenn, wie aus Starnberg zu hören ist, alle Bauprojekte um 4 Jahre verschoben werden, fehlt auch die technische Notwendigkeit, die Asyl-Container abzuräumen.
Einen neuen Standort für die Behelfs-Baracken zu suchen, wäre deshalb glatte Geldverschwendung, auch wenn Bürgermeister und Gemeinderäte bei den Anwohnern der Goethestraße im Wort stehen.
Und es wird in Herrsching und Umgebung niemanden geben, der um die Container in der Nachbarschaft betteln würde – es gäbe vielmehr wieder Zunder, Zoff und Zerwürfnisse.
Der Schwenk, den der Bürgermeister nun vollzogen hat, ist also kein humanitärer Akt, sondern entspringt politischer Einsicht. Der Asylhelfer-Kreis und der Runde Tisch haben soviel Druck gemacht, dass im Rathaus die Einsicht einzog: Die „Gut-Menschen“ sind diesmal in der Mehrheit. Ehre dem Ehrenamt.
Und vielleicht sind die Anwohner der Goethestraße auch ganz dankbar, wenn die Klinik im planungstechnischen Krankenstand verharrt: Unzählige Blaulicht-Einsätze der Rettungswagen, Hubschrauber-Einsätze, Hunderte von Besucherautos auf dem Klinikparkplatz – dagegen ist doch ein Asyldorf fast wie eine ruhige Waldlichtung.
Der Autor dieser Zeilen tut sich leicht, er wohnt nicht in der Goethestraße? Das stimmt. Aber er wohnt neben einem Kindergarten, an dem der Lieferverkehr bevorzugt mit SUVs abgewickelt wird. Er hat noch nie dagegen protestiert.
Gerd Kloos





Dass die Anwohner der Goethestraße in Herrsching nicht gerne auf die lieblos gestalteten und rein funktionalistisch konzipierten Containerbaracken schauen, das leuchtet mir ein. Vielleicht lehnen sie ja gar nicht die Bewohner dieser baulichen Todsünde ab, sondern nur das architektonische Produkt der aktuellen deutschen Wohnhilfe ab. Jede Holzfällerhuette wäre da angenehmer.