Dr. Mario Koßmann steht am Altar und am Computer, sein Kompass ist die Bibel und die Flugphysik. Der 53-jährige Deutsche mit Wurzeln in England und Frankreich arbeitet seit 2022 als Diakon in Herrsching – und bezieht sein Gehalt vom börsennotierten Startup-Unternehmen Lilium in Oberpfaffenhofen. „Ich stehe nicht auf der Payroll der Diözöse Augsburg“, sagt Koßmann. Sein Arbeitgeber entwickelt ein Flugzeug, das einmal vollelektrisch abheben soll.
Koßmann ist verheiratet mit einer Lehrerin und hat 2 erwachsene Kinder. 2005 übersiedelte er nach England und arbeitete als Ingenieur bei Airbus. Eigentlich wollte er Priester werden, aber dann lernte er – natürlich in der Kirche – seine Frau kennen. Neun Jahre später wurde er in Bristol zum katholischen Diakon geweiht. Und wie hat es die Koßmanns dann nach Herrsching verschlagen? Falsche Frage für einen katholischen Diakon: „Gott hat uns nach Herrsching geführt, diesen wunderbaren Flecken Erde.“
Wie bescheiden der neue Diakon ist, merkt man, wenn man sich bei der Recherche im Internet mit ihm beschäftigt. In einem Eintrag eines Fachmediums heißt es: „Dr. Mario Koßmann ist ein erfahrener Systems Engineer und Capability Integrator für Airbus, nachdem er zuvor für Blohm & Voss als Systems Engineer, Technical Manager und Consultant im Dienstleistungsmarketing gearbeitet hatte. Er diente als Marineoffizier bei der deutschen und französischen Marine und erhielt einen Master in Luft- und Raumfahrttechnik von der Universität der Bundeswehr in München (Deutschland), einen MBA von der University of Warwick (Großbritannien) und einen Ph. D. in Requirements Engineering von der University of the West of England. Er ist Autor einiger Bücher und wissenschaftlicher Facharbeiten.“
Kaum zu glauben, dass ihm, dem wissenschaftlich hochdekorierten Dr.-Ing. Herrsching als neue Wirkungsstätte groß genug ist. Aber auf dem „wunderbaren Flecken Erde“, wie er Herrsching nennt, wartet viel Arbeit auf die „Arbeiter im Weinberg des Herrn“: Die Pfarreiengemeinschaft Ammersee-Ost hat 6 Kirchen zu „bespielen“. Und es warten viele Kirchenmitglieder, die getauft, getraut, getröstet und dann auch irgendwann auch beerdigt werden wollen – ausgefüllte Tage für den Pfarrer und seine Kollegen. Diakon Koßmann übernimmt Predigten, assistiert bei Messen und arbeitet in der Seelsorge. Seine neueste Initiative zusammen mit den Frauen von Maria 2.0.: Einen neuen Gesprächskreis zu etablieren, der allen Menschen offen steht, ob sie nun Kirchgänger oder Agnostiker sind. An jedem 4. Samstag eines Monats treffen sich nicht nur Katholiken von 15 bis 18 Uhr zu einem offenen Meeting. Gleich die erste Runde wagt sich an ein heikles Thema: „Der synodale Weg – Hoffnung oder Frust.“ Auch Kaffee und Kuchen werden da nicht helfen, die Brisanz zu mildern. Als besondere Tragik empfindet Mario Koßmann, dass Frauen, die sich in der Kirche zu einem Weiheamt berufen fühlen, ihrer Berufung nicht nachkommen dürfen. Er wünscht sich für alle Gemeindemitglieder – auch solche, die es noch nicht sind – eine neue Willkommenskultur in der Kirche.

Dabei ist ihm besonders wichtig, dass man die Menschen durch das eigene Vorbild überzeugt. Eine fast heldenhafte Aufgabe, diese Vorbildfunktion auch am Arbeitsplatz in der Industrie zu leben. Wieviele Möglichkeiten gäbe es im Job, christliche Ideale zu verleugnen: Kollegen-Mobbing, Intrigen, Ellenbogen auf der Karriereleiter einsetzen – alles verboten für einen Mann Gottes, der auch im Beruf seine Ideale leben will. „Ich finde diese Doppelrolle spannend“, sagt Koßmann.
In England hatte Dr. Koßmann einen noch steinigeren Garten zu pflügen. Er hat dort auch in Altersheimen und Gefängnissen versucht, an nicht ganz einfache Menschen heranzukommen. Diese Besuche hatte er mit seinen Kollegen so originell zu gestalten gewusst, dass er von den Leitungen der Anstalten als „Entertainment“ (Unterhaltung) angekündigt wurde.
Da freuen wir doch auf den nächsten Gottesdienst.




