Lebende Clubgeschichte auf der Hafenpier des Rhein-Main-Donau-Segelclubs: Von links Clubchef Peter Kuhlmann mit einer alten Seemannströte, die Zweite Vorsitzende Gabi Hochmuth, die Tochter des Clubgründers, Eva Hutzelmeyer und ihr Mann Hannes Hutzelmeyer. Im Hintergrund das historische Holzschiff Jumbo. Foto: Gerd Kloos

75 Jahre Segeln ohne weiße Hosen

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Als Deutschland noch in Trümmern lag und das Grundgesetz nur eine politische Vision war, wuchs am Ammersee der Glaube an eine bessere Zeit. Viele Soldaten warteten in Kriegsgefangenschaft auf die Heimkehr, der Hunger war ein alltäglicher Begleiter der Bevölkerung, es ging ums nackte Überleben. An Segeln, Sport und Freizeit wagte niemand zu denken. Niemand? Mitten in der Trostlosigkeit eines zerstörten Landes gab es schon 1948 Menschen, die tatsächlich mit dem Bau eines Vereinsheims am Seewinkel begannen. Es war die Geburtsstunde des Rhein-Main-Donau Segelclubs. Am Samstag begingen 250 Ehrengäste an der Keramikstraße ein Jubiläum, das einem Wunder gleicht: Der Club wird dieses Jahr 75 Jahre alt.

Peter Kuhlmann, der fünfte Clubchef seit der Gründung, staunte in seiner Rede zum Festbankett über die Pionierleistungen der wilden Nachkriegszeit: „Innerhalb eines halben Jahres haben Mitglieder das Clubhaus aufgebaut, innerhalb eines Jahres kam der Segelbetrieb in Gang.“ Der Club arbeitete noch unter dem Schutz und der Fürsorge der Rhein-Main-Donau AG, die für ihre Belegschaft ein Erholungsheim und für ihre Berufstaucher ein Trainingszentrum gesucht hatte. Die AG war damals Unterpächterin eines Strandcafes: Gegen die Lieferung von Baumaterial trat die Wirtin einen Teil des Grundstücks ab.

Während Deutschland noch fieberhaft um Kohl und Kohle bettelte, gab der junge Club bei der Bootswerft Stumbaum an der Herrschinger Promenade 6 „Pirat“-Segelboote in Auftrag, ein 8 Meter langer Marinekutter wurde bei Stumbaum segelfertig aufgetakelt. Der Verein entwickelte sich schließlich eigenständig, auch RMD-fremde Mitglieder aus Herrsching wurden an der Pinne akzeptiert. Während in den Achtziger Jahren die Rhein-Main-Donau AG ihren Kanal baute, und sich die Kanalarbeiter in Herrsching erholten, hatten Kabarettisten geulkt: „In Hamburg sagt man ,Schiff ahoi’ – in Nürnberg wird man sagen ,Hoi a Schiff“. Trotzdem wurde der Kanal 1992 fertig, die AG landete schließlich bei der EON, die keine rechte Verwendung mehr für die maritime Außenstelle am Ammersee hatte. 2009 schließlich nabelte sich der Segelclub von der Mutter ab, Clubheim und Hafen wurden auch wirtschaftlich eigenständig.

Das Kacherl war in jungen Jahren einmal Rettungsschiff einer griechischen Fähre

Der RMD-Club hatte sich mit seiner Standort-Gemeinde verwachsen, die Segler kamen aus allen gesellschaftlichen Schichten. So konnte die Clubleitung das Image des elitären weißen Sports vermeiden – Segeln wurde ein fast demokratischer Sport. Der Club gedieh, und mit der steigenden Mitgliederzahl wuchs auch die Flotte: Das Wrack eines 45er-Kreuzers wurde 1955 der Club-Fürsorge übergeben und ist das Flaggschiff Thimalus geworden. Besonders stolz aber ist der Club auf den Kutter Kacherl, der in seinem früheren Leben mal ein Beiboot einer griechischen Fähre war. Mit seinem imposanten Rigg gehört das Kacherl nun zum schwimmenden Ammersee-Adel. 

Einen launigen Festbeitrag zum Bankett lieferte Hannes Hutzelmeyer, der „die Frechheit besaß, die Tochter des Gründungsvorsitzenden Hans-Peter Kaesbohrer zu heiraten“. Er überreichte eine alte Seemanns-Tröte aus Kaesbohrers Zeiten, mit der man früher Regattafelder auf den Kurs schickte – es war ein Gruß aus maritimen Steinzeiten. 

Noch ein bisschen älter als der RMDSC ist der Herrschinger Segelclub, der 1929 gegründet wurde. Der Vorsitzende Martin Boschert überbrachte die Glückwünsche „der alten Tante“ von nebenan und stellte als Geschenk eine stattliche Spende für die Jugendabteilung des RMDSC in Aussicht. 

Während der südliche Clubnachbar HSC eher leistungsaffin  aufgestellt ist, steht beim Jubiläumsclub RMDSC das Genusssegeln im Vordergrund. Mit einem der 10 vereinseigenen Boote darf segeln, wer seine Befähigung nachgewiesen hat – Scheine und feine Kleidung sind hier weniger gefragt. Wer die clubeigenen Boote segeln will, muss nur eine Freigabe für das jeweilige Boot erwerben.  Demokratischer geht’s eigentlich nicht. Und dann darf man schon mit einem der Boote aus der Herrschinger Bucht kreuzen. Man ist aber auch wohlgelitten, wenn man auf dem clubeigenen Geände nur seinen Liegestuhl durch den Tag steuert. Auch die Clubbeiträge sind eher volkstümlich gestaltet: Die Jahresgebühr kostet etwa 40 Pizzen. 

„75 Jahre“, sagt Clubchef Peter Kuhlmann zum Abschluss seiner Rede, „sind kein Grund, aufzuhören.“ Eher ein Grund, mit einer frischen Brise neue Ziele anzusteuern. Die gibt’s inzwischen häufiger.  Muss ja nicht immer Windstärke 11 sein. 

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